Dokumentationsstätte
Konzentrationslager Hersbruck e.V.

Vittore Bocchetta

Bild: Vittore Bocchetta, aufgenommen von Thomas Wrensch, Johannes-Scharrer-Realschule, 26.1.2016

Vittore Bocchetta, aufgenommen von Thomas Wrensch, Johannes-Scharrer-Realschule, 26.1.2016

Rede von Vittore Bocchetta am 25. Januar 2016, bei der Gedenkfeier des Bayerischen Landtags in Hersbruck anlässlich der Eröffnung des Dokumentationsorts Hersbruck Happurg

Vor mehr als 70 Jahren befand sich da,
wo nun das Monument „Ohne Namen“ steht, ein Sumpfgebiet,
eingezäunt mit Stacheldraht,
welcher der Außenwelt den Blick in eine schreckliche Tragödie verwehrte.
Real und dennoch unvorstellbar.

Ein geschlossene, absurde Welt,
aber wahr und wirklich.
Eine Welt, verborgen ausschließlich in der Erinnerung von den wenigen, die von uns überlebt haben.
Dort wo sich dieses infernalische Todestheater abspielte,
ist heute eine friedliche Siedlung mit Kinderspielplätzen,
aber unter dieser sauberen Oberfläche bleibt unauslöschlich
diese wahre ungeheuerliche Leidensgeschichte derjenigen erhalten,
die einmal menschliche Wesen waren.
Menschliche Wesen zu Millionen,
denen man zuerst den Namen genommen
und dann das Fleisch verbrannt hatte.

Übersetzung: Peter und Ingrid Schön, Hersbruck.

Drei Kunstwerke Bocchettas in Hersbruck zu besichtigen:

EHEMALIGER KZ-HÄFTLING VITTORE BOCCHETTA IM INTERVIEW ZU AKTUELLEN FRAGEN

Zum Video bitte hier klicken.

Worte mit Gewicht - Filmpremiere in Hersbruck: Video-Interview mit Bocchetta

Hersbrucker Nachrichten, 16. November 2016

Hersbruck – „Es gibt kein besseres Geburtstagsgeschenk für Vittore Bocchetta als ihm zuzuhören“, fand Thomas Wrensch, Vorsitzender des KZ-Dokuvereins. Und das tat das bunt gemischte Publikum in der Aula der Realschule gebannt und mucksmäuschenstill, als anlässlich des 98. Wiegenfestes des ehemaligen Hersbrucker KZ-Häftlings das Video „Vittore Bocchetta im Interview zu aktuellen Fragen“ von Lukas Ott erstmal der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Nervös tigerte der Jungfilmer umher, prüfte die Technik und las seine Rede noch einmal durch. Kein Wunder, füllte sich die Aula seiner ehemaligen Schule doch mit Kameraden wie Ehrengästen aus Stadt, Politik – wie Bürgermeister Robert Ilg und Landrat Armin Kroder – und Sozialwesen. Sie alle waren wegen Lukas Ott gekommen – zumindest auch wegen ihm.

Denn er rückte in seinem 17-minütigen Interview, das im Februar entstanden war, Vittore Bocchetta in den Mittelpunkt. Wrensch skizzierte in einführenden Worten Leben und Leiden des „Siegers“ – so die Bedeutung seines Vornamens -, der an der damals noch nicht stehenden Realschule vorbei zum Doggerstollen nach Happurg getrieben wurde und das KZ-Dasein letztlich „besiegt“ hatte. Doch warum sollte man auf „diesen wachen Zeitgenossen“ bei Fragen, die alle betreffen, hören? „Weil er Erfahrungen hat, die wir nicht haben“, klärte Wrensch auf, „und damit es keine Wiederkehr von Menschenverachtung geben wird“.

Genau dieser Gedanke scheint der Antrieb für Ott gewesen zu sein. Sprachlich gewandt und perfekt vorbereitet gab er einen kleinen Einblick in seine Beweggründe für das Video: „Nationalismus, Brexit, rechter Populismus, Flüchtlingsströme – das sind nur ein paar Stichwörter.“ Auch die Konsumgesellschaft und das Auseinanderfallen Europas beschäftigen ihn, weshalb er sehr deutliche Worte an Gleichaltrige, denen „Follower wichtiger sind als Worte“, richtete: „Passt auf, dass ihr nicht zu einer Nummer werdet.“ Er rief alle dazu auf Europa besser kennenzulernen und dieser Idee der Gemeinschaft zu stehen. All dies, fand Ott, lässt sich „von diesem außergewöhnlichen Individuum lernen“. Damit sich die NS-Zeit nicht wiederholen kann.

Individualität, die Bocchetta durch den Konsum bedroht sieht, Freiheit des Menschen und der Traum eines geeinten Europa, ja gar einer „Weltgemeinschaft aus Individuen“ waren denn auch die zentralen Themen im Video-Interview. Dieses kommt ohne Schnickschnack wie Musik, Intro oder Einblendungen aus. Sofort ist der Betrachter mitten im Gespräch von Ott und Bocchetta.

Die Macher um Ott vertrauen auf die Macht der Worte. Und in diese mischt sich jede Menge Pessimismus: Für Bocchetta , der selbst oft woanders lebte, beinhaltet die zu rasche Migration eine hohe Explosivität. Ob sich die NS-Zeit wiederholt, fragt Ott ihn. Nein, es wird etwas Neues geben, so der Ausblick des Italieners.

Er selbst hat den Film noch nicht gesehen. Denn ein erneuter Besuch in Hersbruck ist erst Ende Januar kommenden Jahres vorgesehen. Dann werden Schüler des PPG das Kunstfenster der Sparkasse mit Nachbildungen und Interpretationen seiner Skulptur „Incubo“ (Alptraum, 1970) füllen.

Derzeit arbeiten die Gymnasiasten mit der Dauerleihgabe des KZ-Vereins, versuchen sich in Bocchettas Gefühle hineinzuversetzen und „eigene bildnerische Antworten auf die Vorlage zu geben“, wie Lehrer Ulf Geer erläuterte. Welche Worte der Jubilar dafür dann wohl finden Wird? Zuhören wird ihm jedenfalls sicher wieder jeder.

Text: ANDREA PITSCH

Drei Fragen an Lukas Ott

Lukas Ott ist ein junger Videojournalist, der Politikwissen in seiner Webserie „LateMAte“ auf You-Tube weitergibt. Er kümmert sich dabei um Text, Licht und Kamera, ein Kumpel moderiert. Der ehemalige Hersbrucker Realschüler hat dafür und für sein Bocchetta-Video nun den Mittelfränkischen Realschulpreis in der Kategorie „Naturwissenschaften/Multimedia“ bekommen.

Wie bist du darauf gekommen, ein Interview mit Vittore Bocchetta zu filmen?

Lukas Ott: Das ist eine gute Frage. Ich interessiere mich für Politik und Geschichte und wollte einen Zeitzeugen der NS-Zeit zu heutigen Problemen befragen. Es iging mir nicht darum, NS-Zeit darzustellen, sondern daraus Schlüsse zu ziehen. Erinnerung allein wird die Zukunft nicht verändern.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?

Zunächst musste ich meine Aufregung in den Griff bekommen. Ich stehe sonst immer hinter der Kamera. Das war also eine neue Rolle für mich. Die Verständigung war auch nicht einfach.

Jetzt hast du für deine Arbeit ja den Realschul-Oscar erhalten.

Das ist ein schönes Gefühl, weil der Preis zeigt, dass sich der Einsatz gelohnt hat und wertgeschätzt wird.

Interview: Andrea Pitsch

Lukas-Ott

Lukas Ott