Dokumentationsstätte
Konzentrationslager Hersbruck e.V.

Geschichte des Konzentrationslagers in Hersbruck

Das Konzentrationslager Hersbruck war "nur" ein Außenlager des KZ Flossenbürg. Doch seine Größe, Struktur und der Errichtungszweck lassen es uns als ein eigenständiges Lager betrachten. Es war nach Dachau und Flossenbürg das drittgrößte KZ in Süddeutschland. Als Nazideutschland den Krieg längst verloren hatte, sollten KZ-Häftlinge in den Berg Houbirg bei Happurg eine unterirdische Motorenfabrik für Jagdflugzeuge bauen - sicher vor alliierten Bombenangriffen. Im Mai 1944 begannen die Arbeiten.
Luftaufnahme des Lagergeländes frühere RAD-Unterkunft, die dann als SS-Kaserne  verwendet wurdeEin leerstehendes Kasernengebäude des Reichsarbeitsdienstes diente der SS als Unterkunft und Verwaltungs-gebäude.

Es wurden siebzehn Baracken für die Häftlinge errichtet. 2000 bis 6000 Häftlinge befanden sich ab August ’44 im Lager, überwiegend politisch Verfolgte und Gefangene jüdischen Glaubens. Menschen aus mindestens 23 Nationen waren im KZ Hersbruck. Die Kapos waren in der Regel sogenannte deutsche Berufsverbrecher, die nach Ablauf ihrer Haftstrafen in Konzentrationslagern interniert wurden.

Ein Brand im Hersbrucker Rathaus am Kriegsende vernichtete nahezu alle Unterlagen zum Konzentrationslager. Zur Aufarbeitung der Geschichte werden daher die Unterlagen aus verschiedenen Archiven, allen voran der Gedenkstätte Flossenbürg, die Aufzeichnungen von Pfarrer Lenz, der nach Hersbruck abkommandiert worden war, und Aussagen von Zeitzeugen herangezogen.

Umgang mit der Geschichte heute

Ein Beitrag zur Festschrift der Gemeinde Förrenbach zum 950-jährigen Jubiläum - April 2011

Vom August 1944 bis Anfang April 1945 gab es in Hersbruck ein KZ-Lager, nicht einmal ein ganzes Jahr lang. Die Häftlingssklaven mussten im Berg Houbirg bei Happurg eine unterirdische Stollenanlage ausschachten, die sogenannten Doggerstollen. Darin sollte eine unterirdische Rüstungsfabrik eingerichtet werden.
Das Lager war für 2000 Häftlinge konzipiert, im März 1945 befanden sich jedoch 6500 Personen darin, mehr als Hersbruck damals Einwohner hatte. Während dieser acht Monate kamen 3500 Häftlinge ums Leben, in der Winterzeit 700 – 800 Menschen pro Monat. Nachdem das Lager im April 1945 geräumt worden war, verloren auf dem Todesmarsch nach Dachau noch einmal etwa 500 Menschen das Leben.

Auch die Gemeinde Förrenbach war von diesem irrwitzigen Großprojekt betroffen. Verschiedene Familien hatten Fremdarbeiter aufzunehmen, die auf der Baustelle Dogger arbeiteten, und im Herbst 1944 wurde zwischen Happurg und Förrenbach ein weiteres großes Lager eingerichtet, zur einen Hälfte als SS-Straflager, zur anderen als Lager für Fremdarbeiter. Heute gibt es nichts mehr, das daran erinnern könnte. Die Lagerbaracken wurden nach dem Krieg abgebaut, das Gelände des ehemaligen Lagers ist heute im 1955 gebauten Stausee verschwunden.

Was geht uns Heutige dieses dunkle Kapitel der Lokalgeschichte an? Müssen wir uns noch damit auseinandersetzen?

Viele Leute waren in der Nachkriegszeit der Meinung, dass man dieses Stück Geschichte schnell vergessen sollte. Als im Oktober 1949 auf dem Gelände des ehemaligen KZs in Hersbruck eine Landwirtschaftsausstellung stattfand, sagte bei der Eröffnung der damalige bayerische Landwirtschaftsminister Alois Schlögl: „Wir wollen, dass dieser Schandfleck einer unseligen Zeit endgültig aus dem Gesichtskreis der Bevölkerung verschwindet.“ – So geschah es auch. Das Lager wurde bald darauf abgerissen, die Erinnerung daran weitgehend unter Verschluss gehalten.

Wie gut unter Verschluss beweist eine Begebenheit aus meinem eigenen Leben: Meine Familie kam 1948 nach Hersbruck, und ich besuchte 13 Jahre lang erst die Grundschule und dann das Gymnasium. Doch ich habe nie in der Schule etwas über das KZ Hersbruck erfahren, erst recht nichts über die Stollenanlage in Happurg und das Lager bei Förrenbach. Erste Kenntnis erhielt 1991 durch einen Dokumentarfilm im Bayerischen Fernsehen.

Auch heute noch bekommt man ähnliche Antworten. Vor allem ältere Menschen sind häufig noch der Ansicht, es reiche jetzt mit der Vergangenheitsbewältigung, es müsse „amal a Ruh sein“. Jüngere Menschen sagen: „Das ist doch schon so lange her, das geht mich nichts an“ oder: „Damals war noch nicht einmal geboren. Ich kann nichts dafür. Ich bin nicht schuld daran.“

Wenn wir uns heute um Aufklärung der damaligen Vorkommnisse bemühen und die Erinnerung daran wach halten, dann ist dies nicht „Nestbeschmutzung“, undes geht auch nicht um Schuldzuweisungen. Niemand kann etwas dafür, was sein Vater oder Großvater begangen haben – keiner kann dafür verantwortlich gemacht werden. Den Menschen, die dies befürchten, möchte ich einen Ausspruch des ehemaligen KZ-Häftlings Max Mannheimer im Lager Dachau entgegenhalten: „Ihr seid nicht schuld an den grauenhaften Verbrechen der Vergangenheit, aber ihr seid verantwortlich dafür, dass so etwas in Zukunft nicht noch einmal geschieht.“

Die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit ist die Vorraussetzung für eine verantwortungsvolle Gestaltung der Zukunft: Wir müssen aus den Fehlern lernen, um ähnliches in Zukunft zu vermeiden. Der französisch-bulgarischePhilosoph Tzvetan Todorow sagt dazu: „Die Erinnerung ist ein Gegenmittel gegen das Böse.“

Die Erinnerung muss zudem in ein bewusstes Gedenken einmünden, damit das unermessliche Leid der Opfer nicht in Vergessenheit gerät. Wir ehren damit die ermordeten Menschen und erkennen den Überlebenden gegenüber damit an, welches ungeheuerliche Unrecht ihnen zugefügt worden ist. Viele dieser ehemaligen Häftlinge beklagten ja und beklagen noch immer, dass das, was sie durchlitten haben, zu wenig Anerkennung im öffentlichen wie im privaten Leben findet.

Alfred Nerlich zum Beispiel, der einzige ehemalige Häftling, der nach seiner Befreiung in Hersbruck geblieben ist, beklagte bis an sein Lebensende diesen Umstand: Er müsse sich oft noch rechtfertigen, überlebt zu haben, statt verstanden zu werden, von Entschädigung ganz zu schweigen.

„Vergessen ist mangelnder Respekt vor den Leiden der Opfer“, das sagte eine spanische Fernsehmoderatorin im Jahr 2010. In Spanien gibt es nämlich ein ähnliches Problem: Soll der Opfer der Francodiktatur gedacht werden? Sollen ihre Leichen exhumiert werden ? – Es gibt noch immer keine eindeutige Entscheidung der heutigen demokratischen Regierung hinsichtlich dieses Problems. Immerhin können Privatpersonen die Erlaubnis zur Ausgrabung und Umbettung beim örtlichen Bürgermeister erwirken.

Eine weitere Frage zu diesem Problemkomplex ist, was mit der Hinterlassenschaft der Naziherrschaft geschehen soll. Hinterlassenschaft im konkreten Sinn: Gebäude, Grundstücke, Tatorte. Müssen sie nicht wegen ihres Erinnerungswerts erhalten werden?

In Hersbruck handelte es sich bei dieser Frage um die ehemalige SS-Kommandantur („Finanzamt“). Das Gebäude wurde 2007 abgerissen, obwohl es das letzte Relikt des ehemaligen Lagers war.

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging es im Bereich des Gemeindeverbands Happurg/Förrenbach um die Doggerstollen. Die TU München wollte die Stollenanlage als Übungsgelände für Geologiestudenten verwenden. Da entstand die Streitfrage, ob ein solcher Leidens- und Erinnerungsort für ein derartiges profanes Vorhaben verwendet bzw. missbraucht werden darf. Der Schriftsteller Bernt Engelmann war Häftling im KZ Hersbruck und hat selbst in den Doggerstollen geschuftet. Er nahm dazu Stellung in einem Brief:

„Ich bin überhaupt nicht dagegen, dass man den Stollenbau vonseiten der TU München oder sonst wie nutzt. Nur das Totschweigen der Ursprünge dieser Anlage, die für tausende zum Kalvarienberg wurde, hat mich erbittert. Ich finde den Gedanken, dort eine Erinnerungsstätte zu schaffen, ganz hervorragend. Damit würde den Studenten und anderen Besuchern vor Augen geführt, was sich dort abgespielt hat. Zugleich würden sie merken, dass sich die Gegend nicht vor der Vergangenheit drückt, sondern etwas daraus gelernt hat (oder doch etwas lernen will). Mit einer Tafel oder einem Stein wäre es nicht getan.“

Was ist daraus zu lernen?

Natürlich dürfen solche Relikte weiterverwendet werden, natürlich durfte man den Stausee bauen und selbstverständlich durfte man das Gelände des ehemaligen KZs Hersbruck für den Flüchtlingswohnungsbau verwenden. Aber die Erinnerung an die Vergangenheit muss gesichert sein, und es genügt nicht, einen Gedenkstein auf dem ehemaligen KZ-Gelände in Hersbruck aufzustellen, eine Tafel am Eingang des Stollen F anzubringen und einen nicht authentischen Gedenkstein für das Lager Förrenbach oberhalb des heutigen Stausees im Wald zu verstecken.

Als der Stausee in den 50er Jahren gebaut wurde, ging das Gelände des ehemaligen KZs Förrenbach auf der „Lederwiesn“ allmählich mit der Auffüllung des Sees unter und mit ihm das Denkmal, das von ehemaligen Häftlingen schon bald nach dem Krieg gestaltet worden war: ein großes weißes Steinkreuz, aufgesetzt auf die Mauern des ehemaligen Krematoriums des Lagers Förrenbach. Das war sicherlich keine Lösung im Sinne des Respekts vor den Leiden der Opfer und der Erhaltung der Erinnerung an die damaligen Geschehnisse.

Damit diese Ziele erreicht werden können, bedarf es einer genauen Kenntnis der Vergangenheit. Viele Menschen in der Region reagieren auf dieses Ansinnen mit Abwehr: Doggerstollen, KZ-Hersbruck, Straflager Förrenbach? Das kenne ich doch schon. Ich weiß da Bescheid. – Wenn man nachfragt, dann kommt nur Halbwissen zum Vorschein. Aber nur eine intensive Beschäftigung bringt genaue Kenntnisse; und die ist Voraussetzung für die Einfühlung für das Sich-Hinein-Versetzen in andere Lebensverhältnisse, in andere Menschen. Daraus können das Verstehen, wie es dazu gekommen ist, und die Mitleidsfähigkeit mit den Opfern entstehen, die so wichtige Erziehungsziele gerade für junge Menschen sind.

Halbwissen hingegen fördert zudem die Gerüchtebildung. So wurde früher in unserer Gegend fälschlich erzählt, dass in der Stollenanlage Me-262 Düsenjäger gebaut worden und dass diese zu Probeflügen von den Pegnitzwiesen aus gestartet seien, wohl dort, wo heute noch der Segelflugplatz ist. - Man kann sich leicht vorstellen, wie solche Fantastereien die rechte Szene begeistern und zu Verschwörungstheorien beflügeln („nur die Sabotage in der Produktion durch den Feind im Inneren habe den Endsieg doch verhindert“).

Andere Menschen wiederum sind heute der Auffassung, wir in Deutschland haben seit den 60er Jahren eine gutfunktionierende Demokratie, der Gedanke an eine Wiedererstehung des verbrecherischen Nazitums sei völlig abwegig. Deshalb sei auch die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht mehr nötig, Gedenkfeiern eigentlich überflüssig.

Das ist ein gefährlicher Irrtum. Selbstverständlich würde sich dieser Wahnwitz der Naziherrschaft nicht genauso wie damals wiederholen, aber vielleicht in ähnlicher Form. Man stelle sich nur einmal vor, was geschehen könnte, wenn die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt, die Ressourcen knapp werden, noch mehr Flüchtlinge zu uns hereindringen und dazu die Folgen der atomaren Verseuchung bei uns spürbar werden.

Jede Generation muss sich mit der Problematik von Hass, Gewalt und Leiden wieder von Neuem auseinandersetzen. Es liegt in der menschlichen Natur, dass sie das Potential zum Guten wie zum Bösen in sich trägt. Und jede neue Generation muss erst lernen, welche Gefahr von einer kriminellen, menschenverachtenden Ideologie ausgeht. Die Aufgabe der älteren Generation ist es, die jungen Menschen durch Information und Wissensvermittlung zur Einsicht zu führen und sie stark zu machen gegen verbrecherische Einflüsterungen. Wie könnte dies besser geschehen als durch Lernen und Einsichtsgewinnung an konkreten Beispielen im überschaubaren regionalen Lebensbereich. Nur das Lernen am Einzelfall ist in diesem Sinn wirklich ergiebig. Abstrakte Zahlen in Geschichtsbüchern („6 Millionen ermordete Juden“) hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. Zudem kann nur durch das Lernen am Einzelschicksal die Mitleidsfähigkeit entwickelt werden, die eigentlich als Grundlage aller Menschlichkeit und letztlich aller Kultur zu sehen ist. Diese Einfühlung, dieses Sich-Hinein-Versetzen in das Schicksal anderer Menschen kann nirgends so gut zur Entfaltung kommen wie durch die Begegnung und Beschäftigung mit Geschichte im lokalen Bereich. Dann ist der Bezug gegeben, zum eigenen Leben eines jeden Menschen und besonders eines jungen Menschen gegeben.

Ich bin deshalb froh, dass in der Gemeinde Förrenbach die Bereitschaft vorhanden ist, das Vergangene nicht zu vergessen, auch wenn es für manchen nicht sehr angenehm ist. Ausweichen, vertuschen, schweigen, verschweigen sind Reaktionen, die belasten und nicht befreien. Wir müssen uns an die Fehler der Vergangenheit erinnern, auf dass wir sie nicht noch einmal begehen. Und wir müssen uns um der Menschlichkeit willen an das Leiden und Sterben der Opfer erinnern, damit ihr Leid nicht umsonst gewesen ist.

Die amerikanische Publizistin und Philosophin Susan Sontag sagte beim Besuch eines KZs zu diesem Thema:

„Menschen sind imstande, dies hier anderen anzutun – vielleicht sogar freiwillig, begeistert, selbstgerecht. Vergesst das nicht!“

Peter Schön, 1. Vorsitzender