Dokumentationsstätte
Konzentrationslager Hersbruck e.V.

Einhelliges Lob für KZ-Ausstellung

Bericht in der Hersbrucker Zeitung vom 7./8. Juli 2001

 

Staatssekretär Freller übermittelte den "ausdrücklichen Dank der Staatsregierung"

Einen bewussten Umgang mit der örtlichen Geschichte des Dritten Reiches hat Kultusstaatssekretär Karl Freller zur Eröffnung der Ausstellung über das hiesige KZ-Außenlager angeregt. Für die bis 3. August in der Sparkasse gezeigte Schau gab es Lob von allen Rednern.

 

Konrad Tzschentke, Vorsitzender des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck, blickte vor der prominenten Versammlung aus Vertretern von Politik, Kirchen, Schulen und Wirtschaft zurück: Als 1983 die Gewerkschaftsjugend an der Amberger Straße einen Gedenkstein anbringen wollte, habe es noch "unschöne Diskussionen" gegeben. Wenn heute das Kultusministerium diese KZ-Dokumentation den Schulen in ganz Nordbayern lege, dann habe sich "das Klima wesentlich verändert - in der großen Politik, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen in der Region".

An dieser Entwicklung hat der junge Dokumentations-Verein großen Anteil. So sahen es dankbar alle folgenden Redner. Kultusstaatssekretär Karl Freller beglückwünschte den Verein "ausdrücklich im Namen der bayerischen Staatsregierung" für die "unermüdliche und fleißige Arbeit", die von der Fachkraft Doris Strahler unterstützt wurde. Auch Historiker der Landeszentrale für politische Bildung, des KZ Flossenbürg und der Stadt Nürnberg verhalfen der Ausstellung zu einem wissenschaftlichen Format.

Freller präsentierte - leider in sehr leisem Vortrag - seine Grundsatzgedanken über den Umgang der Deutschen mit ihrem leidvollen 20. Jahrhundert. Die heutige Demokratie sei die "tragende Antwort" auf die Menschheitsverbrechen der NS-Herrschaft und weitere "Ismen" der Vergangenheit. Was in Hersbruck und Happurg ab Mai 1944 geschah, bündele "auf eindrückliche Weise die Aspekte der Terrorherrschaft". Daran zu erinnern und daraus zu lernen sei "von unschätzbarer Bedeutung". Landtagsvizepräsident Dr. Helmut Ritzer ging auf das vom Hersbrucker KZ-Überlebenden Alfred Nerlich gestaltete Kreuz ein, an dem die Flaggen eines Teils der 25 Nationen hängen, die im Hersbrucker Lager zusammen kamen: "Das ist die Erinnerung eines Menschen, der die europäische Dimension des Holocaust erfasst hat." Auch Ritzer sah die Verfassung als Lehre des Dritten Reichs, die es "aktiv zu leben gilt". Das bedeute etwa: "Mit dem Ausländer, mit den Gestrandeten oder mit Behinderten umgehen wie mit anderen deutschen Nachbarn auch." Bürgermeister Wolfgang Plattmeier verglich die "Zeit des Verdrängens" nach 1945 mit dem heutigen "Bekennen zur Geschichte". Als Beispiele nannte er die Verbindung zu Pavia aufgrund des christlichen KZ-Opfers Teresio Olivelli oder den Kontakt zum jetzt in Israel verstorbenen KZ-Häftling Bernhard Teitelbaum. Landrat Helmut Reich meinte nach einem ersten Rundgang durch die Stelltafeln, die Lager und Stollen vor Ort beschreiben, Überlebende zu Wort kommen lassen, aber auch die gesamte Dimension der Konzentrationslager in ganz Europa festhalten: "Man kann es kaum glauben, was Menschen Menschen antun können!" Als Vorsitzender der Kulturstiftung der Sparkasse unterstützte er die Entscheidung, dem Verein Dokumentationsstätte 8000 Mark für die weitere Arbeit zu geben. Im Saal der Sparkasse sprechen am nächsten Donnerstag, 12. Juli, 19 Uhr, die zwei KZ-Überlebenden Janusz Krasinski und Kasimiercz Fraczak. WALTER GRZESIEK

 

 

Bericht in der Hersbrucker Zeitung vom 30. Juni/1.Juli 2001

Wissenschaftliche Fachkraft des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck wühlte sich durch Berge von Akten.

 

In mühevoller Kleinarbeit Fundament errichtet

Doris Strahler überprüfte Daten und Fakten, sortierte und bereitete sie für Wanderausstellung auf - Keine neuen "großartigen" Ergebnisse

 

HERSBRUCK - Seit September klapperte sie Archive ab, durchstöberte Berge von Akten und muss doch viele Fragen offen lassen. Doris Strahler, wissenschaftliche Fachkraft des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck, konnte die Fülle an Material, das sie zum Teil erst aufspürte, in dem einen Dreivierteljahr kaum bewältigen.

Immerhin: Die wesentlichen Daten und Fakten sind überprüft, sortiert und für eine Wanderausstellung verständlich aufbereitet.

Am Donnerstag, 5. Juli, 19 Uhr, wird die Schau in der Sparkasse Hersbruck mit Vertretern des Kultusministeriums, des Landtags, des Bezirks und des Landkreises eröffnet. Sie ist bis 3. August dort zu sehen.

Eines stellt die 44-jährige Soziologin gleich klar: Neue großartige Ergebnisse sind von der Ausstellung "Das KZ-Außenlager Hersbruck und das Doggerwerk" nicht zu erwarten. Aber doch einige Details, die helfen, die Vorgänge von Mai 1944 bis April 1945 in der Barackenbehausung am Strudelbad näher zu bringen. Freilich ohne sie verständlich machen zu können. "Namen und die Geschichten dahinter lassen sich wenigstens in kleinen Ansätzen erkennen", sagt Strahler - durch Zeitzeugenberichte, unter anderem von Pfarrer und SS-Oberscharführer Hans-Friedrich Lenz, oder Dokumente. Häftlingslisten zeigen, wie akribisch die Nazi-Bürokraten über ihr barbarisches System Buch führten.

Zum größten Teil erarbeitete die Soziologin die 16 Tafeln alleine, betreut von den Historikern Dr. Eckart Dietzfelbinger (Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände), Jörg Skriebeleit (KZ-Gedenkstätte Flossenbürg) und Alexander Schmidt (Geschichte für Alle).

Die Dokumentation, die in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung entstanden ist, soll als Wanderausstellung hauptsächlich in Schulen und Büchereien in ganz Bayern zu sehen sein.

Überregional ist sie nicht nur deshalb interessant, weil das Außenlager des KZ Flossenbürg die drittgrößte derartige Einrichtung in Süddeutschland war. Vor allem soll sie auch zeigen, wie "Hersbruck" in das gesamte Nazi-Lagersystem einzuordnen ist. "Eine solche Anlage war gegen Ende des Krieges nichts Besonderes", weiß Strahler. Damals seien sehr viele unterirdische Rüstungsprojekte wie in den Happurger Doggerstollen und dazugehörige Lager entstanden: "So gesehen war Hersbruck nur eines von vielen." Ungewöhnlich ist aber die Nähe zur Stadt, die gewisse Fragen nahelegt: Wie verändert sich das Leben in so kleinen Gemeinden, wenn in den Alltag so viel Gewalt einzieht? Wie nahmen die Menschen dies wahr und wie gingen sie damit um?

"Zur Beantwortung gäbe es reichlich Material", weiß Strahler. Sie selbst geht diese Aufgabe aber nicht mehr an, weil sie im August ihre ABM-Stelle beendet. Immerhin hat sie den Grundstock für weitere Nachforschungen gelegt. Ihre Haupttätigkeit war es, vorhandene Quellen zu sortieren und sie auf ihre Glaubwürdigkeit hin abzuklopfen. Immerhin hatte der Verein bereits etliche Ordner gesammelt, unter anderem mit Papieren von Gerd Vanselows Nachforschungen Anfang der 80er Jahre und Gerhard Fauls Filmrecherchen Ende der 90er Jahre.

Zudem wühlte sich die 44-Jährige im Nürnberger Staatsarchiv durch elf "wenig sortierte" Kartons mit Aussagen zum so genannten "Hersbruck-Prozess". 1948 bis 1950 wurden 300 Zeugen für die Verhandlung vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth vernommen. Angeklagt waren Bergleute in leitender Funktion, Lagerkapos und SS-Angehörige. In der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ging die Nürnbergerin die Häftlingslisten durch, sah sich die vom Roten Kreuz rekonstruierten Routen der Todesmärsche kurz vor Kriegsende an. Im Hersbrucker Stadtarchiv fand Strahler mehrere Briefwechsel von Pfarrer Lenz mit ehemaligen Häftlingen - und mit Elmar Luchterhand. Der inzwischen verstorbene Professor, der am Brooklyn College in New York lehrte, hatte in den 70er Jahren für ein Forschungsprojekt Hersbrucker Zeitzeugen befragt, wie sie mit dem Lager am östlichen Stadtrand umgegangen sind. Die Soziologin spürte die im College lagernden Originalmanuskripte auf. Ein Schatz, der für den Hersbrucker Verein erst noch zu heben wäre.

Genauso wertvoll wie diese Unterlagen sind vielfältige Helferdienste von Hersbruckern, wie vom früheren Stadtwerke-Chef Wilhelm Henke, der einen alten Lagerplan entdeckte (wir berichteten), Jugend-Erinnerungen, wie von Stadtrat Werner Häffner, oder Berichte von Ex-Häftlingen wie Janusz Krassinski und Kasimiercz Fraczak. Die beiden Polen kommen neben Dietzfelbinger und Skriebeleit am 12. Juli um 19 Uhr zu einem Vortragsabend in den Sparkassensaal. Noch leben einige Zeitzeugen, doch die meisten Quellen aus erster Hand sind schon versiegt. An diesem Punkt setzt die Arbeit des Vereins an: Statt dieser "lebendigen Erinnerung" müsse es dann eben etwas anderes geben, zum Beispiel eine Dokumentationsstätte. Wie berichtet, möchte er sie am Eingang der Doggerstollen einrichten. Den wissenschaftlichen Grundstock dafür hat die 44-Jährige mit ihren Forschungen gelegt und die Fakten "zusammengeführt". In Strahlers Worten: "Wir wissen jetzt, wo was ist und wo es sich lohnt, genauer hinzuschauen." In Zukunft wird es auch darum gehen, die noch offenen Fragen zu klären. MICHAEL SCHOLZ